Parole probelesen und käuflich erwerben

Liebe Freundinnen und Freunde der gedruckten Lettern,

die neue Saison steckt nun wieder in den Kinderschuhen und pünktlich zum Kick-Off gibt es auch aus unserer Hand wieder einige Geschichten der vergangenen Rückrunde aus dem Nähkästchen zu plaudern.
Für 2,50€ ist die noch von Druckerschwärze triefende „Parole de la Racaille“ Nr. 30/31 von nun an vor den Heimspielen des SV Werder Bremen bei uns am vorläufig noch provisorischen Stand auf Höhe des Fan-Projekts (Baustelle OKS) zu erwerben und lädt auf 92 Seiten dazu ein, das Geschehene Revue passieren zu lassen. Neben sämtlichen Spielberichten unseres heißgeliebten Sport-Vereins entführen wir euch noch in den Hain der Poesie, den Tempel der Rauschzustände, die Filmstadt Babelsberg, die Magazinsammlung Düsseldorfs und Graz’, das Bücherregal der Prügelknaben und auch Prügelschwestern, sowie ins Land der Römer und auch in die heimischen Gefilde des Gruppenlebens.

Wir nehmen auch gerne Bestellungen ab fünf Heften unter [info@racaille.de] entgegen, wobei wir pro Bestellung ein Porto von 2€ berechnen müssen.

Nun bleibt uns nicht vielmehr zu sagen als Euch viel Spaß beim Stöbern zu wünschen. Wir hoffen, dass Ihr uns auch weiterhin treu bleiben werdet!

Und wer hier  auf “more” klickt, kriegt schonmal eine Leseprobe, die es so in der neuen Ausgabe nicht zu lesen gibt! Verrückt, was?


Serie B
23.05.2010 15:00
Mantova – FC Torino 0:0

Nachdem meine ersten beiden Besuche in Turin einen tiefen Eindruck hinterließen, zog es mich schnellstmöglich wieder zurück. Nach dem Derby und dem Finale wollte auch meine Freundin mal wieder was von mir haben und so buchten wir kurzerhand zwei Tickets nach Bergamo und wieder zurück.
Wir machten uns also am Freitag leicht angeschlagen von Schnupfen, Husten, Heiserkeit mit der bekannten, irischen Billigflugmarke zum nächstgelegenen Flughafen auf: Bergamo. Das Wetter über Pfingsten war mit über 20°C in beiden Ländern angegeben. So kamen wir dann auch bei bestem Sonnenschein an und wurden herzlich von Davide begrüßt.

An der Auffahrt auf die Autobahn entschieden wir uns den Mailänder Berufsverkehr (Hölle auf Erden) mit einem Besuch der Altstadt von Bergamo zu umgehen. Die nächste Abfahrt also wieder runter und in die Città Alta, die „Hochstadt“. Diese zählt laut unserem Reiseführer zu den schönsten Altstädten Italiens. Als der Hügel, auf dessen Rücken sich die restlos erhaltenen Bauten venezianischer Herrschaft breit machen, in Sicht kam, kamen wir aus dem Staunen erst einmal nicht heraus. Zur einen Seite beginnen die Alpen und auf der anderen Seite erstreckt sich Mailand bis zum Horizont. Die Smogkuppel über der Ebene kommt bei uns glücklicherweise nicht mehr an und lässt uns so ungebremst den blauen Himmel genießen.
Nach nicht einmal einer Stunde stellte sich wieder das selige Gefühl fernab weltlicher Problemstellungen ein. Leicht schwitzend zogen wir uns in ein uriges Cafè zurück, um in der neuen Gazzetta dello Sport (Pfui, bäh!) nach den Anstoßzeiten zu blättern. Mit Journalismus hat es die Zeitung nicht so sehr. Die Hälfte wurde dem anstehenden CL-Finale von Inter gewidmet. Dazu kamen locker sechs Seiten Juventus und ein paar Mal Milan. Die anderen Erstligisten bekamen eine kleine Randnotiz in 5×5 cm. Die Serie B wurde auch im quadratisch, praktischen Format abgehandelt. Die Fiorentina und Roma bekamen noch einmal eine halbe Seite. Unter den schattenspendenden Weinreben gaben wir uns also lieber dem Caffé und inbrünstigen Diskussionen über Zeitung und Fußball hin. Die zahlreichen alten Männer verstärkten das Gefühl, mitten im mediterranen Leben zu wandeln.

Nach zwei Stunden entschlossen wir uns, den fehlenden Schlaf auf der Stadtmauer nachzuholen. Bei ca. 25°C unterm Baum auf dem Rasen liegend, kamen wir zwar nicht zum Schlafen, aber erfuhren von den Problemen Mailands, früheren Zeiten und den Vorzügen der hiesigen Küche.
Um uns davon zu überzeugen, wechselten wir wieder in die urige Innenstadt. Noch schnell Frankfurter Ekelspuren entfernt und dann an Antipasti, Pasta und Polenta dem sicheren Fetttod entgegengefuttert. Da wir uns schon im frühen Nachmittag befanden, mussten wir uns verabschieden und kamen nach einem kurzen Besuch des größten Mailänder Jugendzentrums am Bahnhof an.
Für zehn Euro ging es nun zum eigentlichen Ziel unserer Reise. Knapp zwei Stunden nach Turin ist immer wieder eine schöne Zeit, da die Landschaft nie langweilig wird und eine Reise mit Trenitalia auch genügend Anlass zum Lachen bietet. Nach unserer Ankunft ging es erst einmal direkt zum Irish Pub. Dieses Mal allerdings nicht, weil Gigi uns nach allen Regeln der Kunst abfüllen wollte, sondern um zu erfragen, ob es noch einen Platz zum Arbeiten gebe. Nach einer Stunde Wartezeit, zwei Bier und einem Vodka war die Konversation zwar inhaltlich und formal noch super, aber Arbeit gab es trotzdem keine. Vielleicht im Winter, doch da muss irgendwann einmal langsam das Studium anfangen.

Also ging es los. Da die Anderen noch tapfer ihre Knochen beim Fußball hingehalten hatten. Wir kamen nach Spielende an und trafen auf bekannte Gesichter. Unter ihnen auch Baldo, der an diesem Wochenende sein fünfjähriges Stadionverbot antrat. Die Stimmung war also auch zuerst gedrückt. Wegen fehlenden Alternativen ging es noch in die nächste Lounge. Gestyltes Diskovolk machte den Weg zur Bar eher unangenehm. Der angetrunkene Barkeeper freute sich über deutsche Gäste und musste erst einmal stolz den Drink von Martina aus Hoffenheim vorführen. Als ich erklärte, dass Hoffenheim langweilig wie Hulle sei, freute er sich umso mehr und es gab noch ein Freigetränk dazu. Wir setzten uns nach draußen. Es war bald Mitternacht, aber kurze Hose und T-Shirt waren vollkommen in Ordnung. Neben Gesprächen und Witzen konnten wir beobachten, wie die durchaus sympathischen Damen alle Nase lang aufs Klo mussten. Ich habe grundsätzlich kein Problem mit Drogen, aber für einen lockeren Abend mit Getränken ohne Tanz erschließt sich mir der Sinn dahinter nicht wirklich. Den anderen erging es genauso und wir machten uns gegen 1 Uhr auf in das gelobte Bett.

Gigi musste den samstäglichen Vormittag noch arbeiten, was uns zu einer verlängerten Schlafphase verhalf. Durchaus angebracht, so wirkte sich das Klima nicht direkt heilend auf meine Erkältung aus. Nach einer Dusche gab es dann Wein, Schinken, Gnocchi und Huhn. Das Gelage führte auch zu einer inneren Schläfrigkeit und so verbrachten wir die unangenehm heiße Zeit mit Sherlock Holmes und warteten auf Gigis Rückkehr von der Mittagsschicht.

Für den Nachmittag trafen wir uns beim König von Italien vor der Haustür auf ein Eis mit der Freundin von Gigi und Dario, Sänger einer Turiner Punkband und sehr guter Freund von Los Fastidios. Dieser war auch Veranstalter des abendlichen Konzerts, welches das CL-Finale begleiten sollte. Das Eis war große Klasse, nur der König und die Juventinos haben genervt. Das hemmte einfach die Atmosphäre. Deshalb brachen wir auch auf, um Fre die Stazione näher zu bringen. Diesen Mittelpunkt struktureller Gastabfüllung muss man einmal besucht haben. Schon Pavel im Jahr zuvor hatte es nie heile heraus geschafft und diese Tradition durften wir fortführen. Selbst wenn man es einmal zur Bar geschafft hat, um Drinks zu kaufen und einmal einen auszugeben, nimmt der Barkeeper kein Geld an. Getränke gibt es natürlich trotzdem. Das schlechte Gewissen ist vorprogrammiert.

Mit Borghetti und Bier angereichert ging es dann zur Partylocation. Frühzeitig angekommen wurde noch ein Banner für den neuen Diffidato gemacht. Der Rest des Abends verlor sich in Pizza und Bier. Die Bands waren zwar gut, aber auch in Italien kann man mit Punk keine großen Massen mehr mobilisieren. Vielleicht waren es 80 Gäste, die zum Großteil die Übertragung des Spiels boykottierten und lieber singend, redend oder trinkend den Vorlauf zur Musik verbrachten. Bis auf die Nachrichten über Tore durfte ich auch auf die Partie verzichten. Nach kurzer Pause legte die erste Band dann auch los und ich fühlte mich an wunderbare Teenagerzeiten und 3€uro-Festivals erinnert. Ein paar Leute mehr und es wäre eine Zeitreise gewesen. Die Musik war technisch sogar okay, wobei mir leider die Texte nichts sagten. So weit bin ich dann doch nicht mit meinem italienisch.

Irgendwann, nicht zu spät in der Nacht, fuhren wir zurück, da es ja schon viel zu früh wieder aus den Socken gehen sollte.

So klingelte uns unbarmherzig der Wecker wach und eine kurze, alkoholische und ungemütliche Bettphase ging ihrem Ende entgegen. Mit dem Auto ging es zum Stadio Delle Alpi, in dem der FC Torino bis vor fünf Jahren noch seine Heimspiele austrug. Davon sind jedoch nur noch die sehr beeindruckenden Fundamente zu sehen, denn innerhalb der alten Mauern baut Juventus seine neue und lächerlich kleine Arena mit modernsten Ansprüchen auf. Ein eher hässlicher Stahlbau für 30.000 Leute inklusive toller VIP-Logen wird bald Schauplatz der Heimspiele vom wirklich widerwärtigen Juventus FC. Nicht nur durch die ärgerliche Wiese-Rolle und den Kontakt nach Turin rufen die Schwarz-Weißen ausschließlichen Abscheu in mir hervor. Es ist quasi eine noch schlimmere Form des FC Bayern aus München. Ohne Schickeria, aber mit der geschäftstüchtigen Viking. Falls hierzu und generell zum Thema Italien Lesebedarf bestehen sollte, empfehle ich zwischendurch www.altravita.com . Dort gibt es viele sehr interessante Artikel zum Thema Ultras und Fußball in Italien.

Wir bestiegen also die spärlich ausgestatteten Busse und machten uns auf den Weg. Es gab keine weitere Organisation, nach welcher das Geld eingesammelt wurde. Die mitgebrachten Bierflaschen wurden leerer und einfach auf den Boden geschmissen. Soweit noch normal, doch bereits nach einer Stunde war ein ansehnlicher Scherbenhaufen auf dem Boden zusammengekommen. Bei einigen Stunden Fahrt wurde das noch zu einem ernsthaften Problem. Sehr interessant auch die ständige Begleitung durch ein Polizeiauto. Bis zum Ende des Tages waren wir dauerhaft unter Beobachtung von zwei Beamten. Diese griffen aber zu keiner Zeit ein, was auch sehr italienisch anmutete.

Die Fahrt verlief anstrengend nach der kurzen Nacht, viel zu heißen Temperaturen, verschiedenen Biersorten, einem Motorschaden und nur einem Pizzaviertel als Nahrungsgrundlage. Dementsprechend fertig torkelte ich bei der Ankunft aus dem Bus und wankte die fünf Meter zum Stadioneingang. Wir waren pünktlich zum Anpfiff angekommen und suchten uns schnell Plätze.

Trotz einer für Italien beachtlichen Auswärtsbereitschaft war noch reichlich Platz in der Kurve und so sahen wir das Intro noch von außerhalb. Pyro, Fahnen, Doppelhalter und scheißlauter Support weckten mich dann. Wir zogen schnell um zum aktiveren Teil und versuchten, dem Grottenteam Beine zu machen. Zwischendurch wurde Mantova noch in die Serie C gesungen.

In der Halbzeit erfrischten wir uns an den aufgebrochenen Wasserleitungen der Feuerwehr. Ich war und bin immer noch völlig perplex, aber es ist angeblich völlig normal. Zur Abkühlung werden die Leitungen oder Ventile aufgebrochen. Weder Polizei noch Ordner unterbinden das oder fangen Stress an – allerdings steht dann dauerhaft ein Ordner daneben, um Verletzungen zu verhindern… nicht aber das Duschen! Ein sehr interessantes Modell.

Die zweite Halbzeit verbrachte ich dann sitzend neben dem Block. Ich kann mich nur noch an zwei klare Torchancen erinnern, die kläglich vergeben wurden. Der Support sorgte auch an fremder Spielstätte für pfeifende Ohren und es gab sogar eine große Schwenkfahne.

Nach dem Spiel warteten wir noch außerhalb des Stadions, da es erst einmal nach Stress mit der Polizei aussah, aber es passierte nichts und wir fuhren wieder zurück.

Nachdem wir uns endlich etwas gestärkt hatten, ging es mir auch wieder besser. Nachdem das Bier dann wieder floss und der Boden effektiv mit Scherben übersät war, wurde auch das Verhalten der Mitfahrer unangenehmer, was von einfach stumpfen Liedern über das Beschmeißen anderer Autos (trotz Polizei hinter uns) bis zu wirklich ekligem Sexismus ging. Darauf angesprochen änderte sich auch nur wenig. Insgesamt scheint es nicht besser oder schlimmer zu sein als es auch in Deutschland der Fall ist. Die Leute, mit denen ich insgesamt mehr zu tun habe, sind sich der Problematik bewusst. Konsequenzen werden gerade in der Öffentlichkeit aber nicht daraus gezogen. Das Thema ist aber auch zu weitläufig, um eine wirklich gute Einschätzung wiederzugeben.

Nach der Ankunft ging es anstatt ins Bett lieber noch einmal in die Stazione auf einen Drink. Irgendwann war es dann aber auch gut und es ging ab nach Hause.

Am Montag schliefen wir aus und wurden von Gigi und Dome zum Essen geweckt. Ein bisschen Rumhängen und dann noch einen Caffè am Bahnhof bis wir nach Mailand fuhren.
Dort haben wir mit Davide ein echtes Mailänder Restaurant besucht. Eine Seltenheit, da die meisten Restaurants von Migranten betrieben werden und nicht mehr von Italienern. Es ging dann nur noch ins Bett und am Dienstagmorgen nach Bremen. Drei Tage später sollte ich aber schon wieder zurückkehren.

This entry was posted in Stand. Bookmark the permalink.

Comments are closed.