Gegen den übereifrigen Staat

Beim Spiel gegen Freiburg zeigten wir drei Spruchbänder:

“L’état trop zélé = l’ennemi principal du supporterisme!” – “Der übereifrige Staat = der Hauptfeind der Fans!” – “Solidarité avec Auteuil, Lyon, Montpellier et Nissa!”

In den letzten Wochen erreichten uns viele bedrückende Nachrichten aus Frankreich. Viele von uns respektierte Gruppen (Supras Auteuil, Authentiks, Grinta, Cosa Nostra Lyon, Butte Paillade, Armata Ultras, Brigade Sud Nice) droht die staatliche Auflösung, so dass wir ihnen mit den Transpis unsere Solidarität ausdrücken wollen. Darüber hinaus wollen wir den Aktionismus des französischen Staates kritisieren, mit dem dieser versucht, die durchaus existenten Probleme in den Stadien in den Griff zu bekommen. Ein Phänomen, welches nicht nur in Frankreich zu beobachten ist…

Im Folgenden wollen wir kurz versuchen, sowohl die Auslöser für die Repressionswelle zu beleuchten, als auch die Willkür und die Wirkungslosigkeit dieser Maßnahmen. Nach mehreren kleineren Zwischenfällen im Verlauf dieser Saison kam es beim Ligue 1 Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Olympique Marseille zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Fankurven von Paris, dem rechtsgerichteten Kob of Boulogne und der multikulturellen Virage Auteuil und ihrem Anhängsel auf der Tribune G. Zwischen diesen beiden Kurven kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, nur gab es diesmal einen Toten zu beklagen. Vor dem Spiel griffen 150 Leute des Kobs die Virage Auteuil vor den Toren des Stadions an. In diesem Zusammenhang wurde einer der Angreifer am Boden liegend zu Tode geprügelt.

So traurig dieser Vorfall ist, möchten wir an dieser Stelle zum Ausdruck bringen, dass jahrzehntelange Versäumnisse in Sachen Fanarbeit sich nicht durch staatliche Gruppenauflösungen wieder gut machen lassen.

Beispiel 1 ist auch in Paris zu finden. Im Anschluss an das Ligapokalfinale 2008 Paris SG – RC Lens wurde die Hauptgruppe des Kob of Boulogne, die Boulogne Boys, verboten, da diese ein diskriminierendes Plakat entrollt hatten und sich auch in der Vergangenheit bereits mit ähnlichen Aktionen „geglänzt“ hatten. Dass gerade jetzt der Kob einen Toten zu beklagen hat, ist ein klares Indiz dafür, dass die Fans nicht verschwinden, sobald ihre Gruppe aufgelöst ist. Dementsprechend lösen staatliche Gruppenauflösungen nicht die Probleme in den Stadien. Stattdessen beschleicht uns der Eindruck, dass die Politik hier versucht, Aktivität um der Aktivität wegen zu zeigen, ist doch das Thema „Sicherheit“ eines, das bei jedweder Wahl für Stimmen sorgt.

Beispiel 2 ist in England zu finden. England wird in diesen Tagen als ein Vorbild beschrieben, in welche Richtung sich doch der französische Fußball weiterentwickeln soll. So führte Jean-Pierre Escalettes, Präsident des französischen Fußballverbandes, aus, dass man mittels Repression und erhöhten Ticketpreisen versuchen möchte, ein ähnliches Publikum wie auf der Insel anziehen zu können. An dieser Stelle sei auf die Stellungnahme der Dortmunder Ultragruppierung “The Unity” zum Mainz-Spiel verwiesen, wo diese wie folgt ausführt: “So gab es 2008/2009 etwa 1.300 Festnahmen in Englands Premier League, vergleichbare Zahlen aus Deutschland liegen nicht vor, hier werden nur die eingeleiteten Strafverfahren aufgezählt (2.107), denen nicht immer eine Festnahme vorausgeht.“ Hieraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Einerseits sind teurere Eintrittskarten nicht mit “Sicherheit” gleichzusetzen, andererseits gilt es zu bedenken, dass sich die Gewaltproblematik häufig aus dem Stadion in das nähere Umfeld verlagert. Vielleicht ist diese dann nicht so sehr sichtbar, aber das Problem ist offensichtlich noch existent. Für das subjektive Sicherheitsgefühl mag das vielleicht ausreichend sein, jedoch kann es nicht die Aufgabe der Politik sein, ausschließlich dieses Gefühl zu bedienen. Vielmehr sollte diese doch derartige Probleme an der Wurzel packen. Und die Wurzel ist eben nicht die Gruppe als solche, sondern die Menschen die diese konstituieren.”

An dieser Stelle sei erwähnt, dass es in Frankreich so gut wie keine Fanarbeit gibt. Fanprojekte, welche in Deutschland einen großen Anteil daran hatten, die Hooliganproblematik der 80er Jahre einzudämmen, sind beispielsweise nahezu gänzlich unbekannt. Stattdessen läuft Fanarbeit in den Gruppen ab. Ältere, verantwortungsvolle Mitglieder, versuchen sowohl den Jüngeren den Weg zu zeigen, was das Fandasein als auch das Privatleben betrifft. Es erscheint logisch, dass dieser Weg sicherlich nicht so effizient ist, wie jener der gezielten Fanarbeit. Jedoch gilt es zu bedenken, dass jetzt genau diese etablierten Strukturen durch die Zwangsauflösungen wegfallen, wie auch die Brigade Sud Nice in ihrem Communiqué beschrieben.
Die BSN ist eine der Gruppen, die aktiv nach einem Konsens zwischen Ultras und der Politik gesucht haben. Regelmäßig wurden Gespräche auf lokaler sowie auf nationaler Ebene geführt, um ebendies zu erreichen. Insbesondere die Staatssekretärin für Sport, Rama Yade, engagierte sich auf Seiten des Staates stark für diesen Dialog. Nachdem es beim Spiel AS Monaco – OGC Nice zu einem Platzsturm der Gäste kam, wendete sich das Blatt. Die BSN wurde als Alleinverantwortlicher dargestellt, während sie selber sich davon distanzierte und anführte, dass größtenteils jugendliche, unorganisierte Fans für den Platzsturm verantwortlich waren. Von nun an schwebte das Damoklesschwert der Zwangsauflösung auch über dieser Gruppe. Auch Personen wie Rama Yade waren nicht mehr an einem Dialog interessiert, so dass alle konstruktiven Ansätze der vergangenen Monate auf einmal obsolet waren. Wir können und wollen diesen Vorfall nicht an dieser Stelle auflösen, jedoch möchten wir auf das Communiqué der Gruppe verweisen. Hier wird klargestellt, dass sich die Gruppe zurückzieht, um der Zwangsauflösung zuvorzukommen. Darüber hinaus wird ersichtlich, dass die Verantwortlichen der Gruppe nicht mehr die Energie haben, die gesellschaftlichen Konflikte auszubalancieren, die im Stadion ihr Ventil finden, wenn monatelange Arbeit beim erstbesten Vorfall eingerissen wird. Die Verantwortlichen vermuten im Communiqué jedoch, dass die Gewalt nicht abnehmen wird, wenn es die Gruppe nicht mehr gibt, da die gruppeninterne soziale Arbeit nun nicht mehr stattfinden kann, das Publikum sich jedoch nicht großartig ändern wird.
Aus Platzgründen wollen wir hier nicht näher auf die anderen betroffenen Szenen eingehen. Jedoch sollte aus diesen beiden Beispielen klar geworden sein, dass diese radikalen Maßnahmen des französischen Staates nicht die Wurzel des Problems behandeln, sondern verpuffen werden. Aber auf jeden Fall kann sich das Kabinett um Nicolas Sarkozy nicht nachsagen lassen, dass sie nichts unternommen hätten. Schließlich will man gleich sieben Gruppen bei vier Vereinen verbieten. Und es könnten sogar noch mehr werden, denn auch das Red Kaos in Grenoble ist in Gefahr. Für den in der Materie unkundigen Bürger sicherlich eine beeindruckende Reaktion des Staates auf besagten Gewaltausbruch beim letzten PSG-OM-Spiel. Ob dabei etwas herumkommt, wird sich ja eh erst in den nächsten Legislaturperioden zeigen: Hier wird ein Aktionismus beschrieben, den Sarkozy nicht nur beim Thema Fußball an den Tag legt. Eines jedoch ist bereits jetzt sicher: Die Stimmung wird sich ohne den koordinierten Tifo der Ultragruppen deutlich verschlechtern.

Dementsprechend solidarisieren wir uns mit den betroffenen Gruppen in Frankreich, in der Hoffnung, dass uns ein derartiger Übereifer erspart bleibt. Wenn wir uns so einige Aussagen, insbesondere aus dem Lager der Gewerkschaft der Polizei, anhören, scheint der Weg nicht mehr allzu weit zu sein.

On est tous solidaire! Courage aux Supras Auteuil, Authentiks, Grinta, Cosa Nostra Lyon, Butte Paillade, Armata Ultras et la Brigade Sud Nice!

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