Gelsenkirchen auswärts

Unsere Gruppe wird das Spiel am kommenden Samstag nicht organisiert besuchen und so unserem SV Werder nicht die ihm gebührende Unterstützung zukommen lassen. Auch wenn uns diese Entscheidung schwer gefallen ist, sollen im Folgenden die Gründe für unser Handeln erörtert werden.

Der Hauptgrund für den Nichtbesuch dieses Spiels ist in den regelmäßigen, willkürlichen Polizeieinsätzen zu finden, die unsere Gastspiele in Gelsenkirchen begleiten. Beispielsweise sei an dieser Stelle kurz an die Auswärtsspiele beim FC Schalke 04 in den Saisons 05/06 und 07/08 erinnert. Am 26.11.2005 zog ein brutaler Polizeieinsatz mehrere Stadionverbote, darunter u. A. auch für den damaligen Vorsänger, nach sich. Dem Vorsänger wurde zur Last gelegt, einige Aufkleber verklebt zu haben. Dies rechtfertigte einen Polizeieinsatz, bei dem im geschlossenen Foyer des Gästeblocks massiv CS-Gas versprüht wurde und friedfertige Fans, welche dieses sogar zum Teil mit erhobenen Händen signalisierten, auf gewalttätigste Art und Weise mit Knüppeln traktiert wurden.

Am 27.10.2007 wurde eine Gruppe von acht kartenlosen Werder-Fans der Gruppe Infamous Youth und deren Umfeld vorläufig in Gewahrsam genommen, da die Polizei annahm, dass diese Gruppe gewaltsuchend sei. Dieses Argument wirkt auch heutzutage noch mehr als konstruiert, bot diese Gruppe doch an, vor dem Gästeblock zu warten, bis das Spiel beendet sei. Da vor dem Gästeblock Polizeieinheiten in Bereitschaft standen, bestand also zu keinem Zeitpunkt ein Gefahrenpotential, welches diese Maßnahme hätte rechtfertigen können. Infamous Youth und unsere Gruppe verließen das Stadion, da es uns unter diesen Umständen nicht möglich erschien, unsere Mannschaft weiter zu unterstützen. Zu sehr bedrückte uns das Schicksal unserer Freunde. Als sich uns in der Halbzeitpause weitere Werder-Fans anschließen wollten, wurde ihnen dieses anfänglich auf Anordnung der Polizei verwehrt. Nach Spielende wurden dann die per Zug angereisten Werder-Fans unter Anwendung polizeilicher Gewalt in die jeweiligen Shuttle-Busse und Regionalzüge gedrängt. In Osnabrück erlebte dieser Spieltag dann sein negatives Highlight. Befreundete Essener Fans sollten von ihrem Gastspiel in Hamburg eintreffen. Man machte die Exekutivgewalt sicherheitshalber und aufgrund der an diesem Tag gesammelten Eindrücke auf den Umstand der Fanfreundschaft aufmerksam, um so der Polizei nicht noch einen Vorwand zu geben, ihre rigide Strategie erneut umzusetzen. Jedoch half auch dies nicht. Unter dem Einsatz von Pfefferspray und Knüppelschlägen, teilweise auf Kopfhöhe, versuchte die diensthabende Polizeieinheit die befreundeten Fangruppen voneinander zu trennen und in die jeweils relevanten Züge zu “eskortieren”. Auch am Bremer Hauptbahnhof ging dieser Polizeieinsatz weiter, so dass mehrere Werder-Fans die Nacht in Polizeigewahrsam, zum Teil bis 09:00 Uhr des Folgetages, verbringen durften. Aus Platzgründen sei an dieser Stelle auf die jeweiligen Stellungnahmen verwiesen, welche u. A. in der “Parole de la Racaille” oder auch im Forum der Fanszene zu finden sind.

Jedoch sind es nicht nur die Polizeieinsätze, welche uns als Gruppe den Antrieb nehmen, das Spiel in Gelsenkirchen zu besuchen. Auch darüberhinaus gibt es dort, insbesondere seit dem Abschied aus dem Parkstadion, vielerlei fanfeindliche Tendenzen zu beobachten. So sei als erstes der menschenunwürdige Transport der Gästefans vom Hauptbahnhof bis zum Stadion erwähnt, wählt fan doch normalerweise die günstigste Anreisemöglichkeit, welches im Falle Gelsenkirchen für Bremer Anhänger das Wochenendticket der Bahn ist. Nach einer mehrstündigen Anreise wird fan in der Regel sofort in überfüllte Shuttlebusse gedrängt, welche einen dann langsam durch die Staus gen Stadion kutschieren. Der vorherige Besuch von sanitären Anlagen wie auch der Erwerb von Nahrungsmitteln wird von der Polizei unter der Begründung der Gefahrenabwehr verhindert, so dass man sich dann irgendwann im langen Hochsicherheitstunnel befindet, welcher einen in das bereits erwähnte Foyer führt, wo dann endlich die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse, wenn auch zu, insbesondere für jugendliche und sozial schwächer gestellte Fans, unmenschlichen Preisen, möglich ist. Der Gästeblock selbst ist dann auch an Fanfeindlichkeit kaum zu überbieten. Das Nichtvorhandensein von Zaunfahnenplätzen ist nur ein Punkt, welcher aber im Vergleich zur Glasscheibe, die die Fans vom Spielfeld und so ihrer Mannschaft trennen, nur verhältnismäßig gering ins Gewicht fällt. Wie sollen denn Fans ihre Mannschaft lautstark unterstützen, wenn ihnen nichts anderes übrig bleibt, als eine Glasscheibe anzuschreien? Im Endeffekt kann man sagen, dass der Gästefan in Gelsenkirchen nicht als Gast betrachtet wird, sondern als von DFB und DFL verordnetes, traditionsbedingtes Sicherheitsrisiko, welches unter Anwendung aller Mittel minimiert werden soll. Ein Lied davon kann man nicht nur in der Bundesliga singen, wo inzwischen vermutlich jeder Fananhang seine zweifelhaften Erfahrungen mit den Gastspielen beim FC Schalke 04 sammeln durfte: Auch die Anhänger von Paris St. Germain dürften heute noch mit Erschüttern an ihr Gastspiel im Laufe des aktuellen UEFA-Cup-Wettbewerbs denken, nötigte man doch die Fans im Rahmen der Sicherheitskontrollen dazu, ein Zelt zu besuchen und sich dort sicherheitshalber vollständig entkleiden zu lassen.

Zusammenfassend kann man also sagen, dass uns als Gruppe die nichtgegebenen Unterstützungsmöglichkeiten unserer Mannschaft im Zusammenhang mit unseren Bedenken und Erfahrungen hinsichtlich der lokalen Sicherheitspolitik jegliche Motivation nehmen, dieses Spiel zu besuchen. Die Opfer, die dieser Spielbesuch möglicherweise von uns verlangen könnte, sind für eine verhältnismäßig kleine Gruppe wie der unseren einfach nicht hinnehmbar, vor allem wenn man dazu die uns gegebenen Unterstützungsmöglichkeiten im Verhältnis sieht. Im Hinterkopf spuken natürlich auch weitere, aktuellere Erfahrungen von unseren Gastspielen in Nordrhein-Westfalen mit, haben doch die Spiele in Bielefeld und Mönchengladbach dieser Saison die Stadionverbotsproblematik innerhalb unserer Gruppe verschärft. Erneut sei auf unsere Stellungnahmen verwiesen, welche u. A. in der aktuellen Parole de la Racaille und bei Fansmedia zu finden sind.

Natürlich haben wir auch Verständnis für andere Standpunkte, dass man sich von Polizeieinsätzen und miserablen Gästeblöcken den Spaß am Fußball nicht nehmen lassen darf, da sonst ja die jeweiligen repressiven Organe automatisch gewonnen hätten. Diese Standpunkte gibt es auch innerhalb unserer Gruppe, so dass einige Mitglieder sich sicherlich wieder einmal das Gastspiel in Gelsenkirchen geben werden, ohne jedoch koordiniert am Support teilzunehmen oder gar Gruppenmaterialien zu verwenden. Der Großteil unserer Gruppenmitglieder hat jedoch unter diesen Voraussetzungen keine Lust, dort als Gruppe in Erscheinung zu treten, und so gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Für uns war es an der Zeit ein kleines Zeichen zu setzen, auch wenn dieses wohl wieder einmal nur von einer Minderheit verstanden werden wird. Wir werden jedoch weiterhin den Weg gehen, den wir für richtig halten. Ob und wann uns dieser mal wieder nach Gelsenkirchen führen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch offen.

Im Februar 2009, La Racaille Verte – Contre le Foot Moderne

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