Unser Spaß sieht anders aus

Am 29. Februar 2012 spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer im Weserstadion – ein Event für groß und klein. Und doch ist nicht alles Friedefreudeeierkuchen. Wenn deutsche Fußballfans ihr Deutschsein feiern, bleibt es selten bei weltoffener Fröhlichkeit. Es wäre sicher unfair auf die geschichtlich motivierten Gewaltexzesse deutscher Hooligans bei den Auswärtsspielen in Osteuropa zu verweisen, um zu erklären, warum wir mit der Deutschlandparty Ende Februar nichts zu tun haben wollen. Immerhin sind Spiele der Nationalmannschaft in Deutschland in den letzten zehn Jahren zu einer Vergnügung geworden, zu der nicht nur Familien mit Kindern, sondern auch diejenigen Leute ohne größere Bedenken gehen können, die nicht ins Weltbild rechter Fußballmacker passen: Die Medien zeigen gerne weibliche und dunkelhäutige Deutschlandfans, und es deutet nichts darauf hin, dass sie sich unwohl fühlen. Und doch, der Nationalismus bleibt Nationalismus und damit gefährlich. Zur WM 2006 häuften sich nicht nur chauvinistische Ausbrüche verbaler Art, immer wieder kam es auch zu gewalttätigen Übergriffen auf Nichtdeutsche oder solche, die dafür gehalten wurden. Und dauerhaft scheint die Normalisierung deutschen Patriotismus die Entstehung menschenfeindlicher Einstellungen zu begünstigen, wie wissenschaftliche Studien zeigen.

Wir haben also ein Problem mit Deutschtümelei im Weserstadion, auch wenn sie so fröhlich daherkommt wie jetzt. Ja, es marschieren keine Soldaten mit Fackeln auf wie vor gut 30 Jahren bei der Vereidigung, gegen die sich mehr als zehntausend Menschen entschlossen äußerten. Doch im Stadion sind deutlich mehr Menschen beteiligt, die sich dem nationalen Taumel hingeben, und die Empörung bleibt aus. Während ein allgemeiner Antimilitarismus in Deutschland seit 1945 Standard ist, bleibt die radikale Kritik des deutschen Nationalismus ein Randphänomen.

Das Spiel wird also stattfinden, so sehr wir es verabscheuen. Dahinter stehen gesellschaftlich und ökonomisch gewollte und gefestigte Mechanismen; es ist unter den gegebenen Bedingungen sinnlos, sich dagegen zu stemmen — man kann ja leider nicht mal davon ausgehen, dass die ach so fortschrittlichen Bewohner_innen des Viertels unsere Einschätzung teilen. Und dennoch wollen wir unser Weserstadion für uns beanspruchen, unseren Spaß dort haben — natürlich beim Spiel des SV Werder am Samstag, und am Abend zuvor bei einer schönen Technosause. So sieht unser Spaß im Weserstadion aus!

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