Drei Fragen an: Ronny Blaschke

Am kommenden Samstag, den 26.11.2011 liest Ronny Blaschke im Ostkurvensaal aus seinem Buch „Angriff von Rechtsaußen – wie Neonazis den Fußball missbrauchen“. Im Vorfeld der Veranstaltung sprachen wir mit Ronny Blaschke über sein Buch, NPD-Funktionäre als Mitglieder bei Werder und die Demo “Rechte Gewalt stoppen” in Bremen. Die Lesung beginnt um 19:00 Uhr; Der Ostkurvensaal öffnet bereits um 17:30 Uhr zu Snacks, Kuchen, Getränken und Musik.

Racaille Verte: Für dein Buch “Angiff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball mißbrauchen”, hast du intensive Recherchen geführt. Dabei hast du auch versucht, an organisierte Neonazi-Strukturen heranzukommen. Welche Intention verfolgst du bei der Arbeit mit diesem Klientel? Welche Probleme und Konflikte treten dabei auf?

Ronny Blaschke: Vor den Interviews in der Szene hatte ich nicht den Eindruck, mit meinen Recherchen über einen bereits bekannten Informationsstand hinausgekommen zu sein. Deshalb wollte ich Interviews mit Neonazis führen. Ich habe in Leipzig relativ blauäugig an eine Telefonnummer eine Interview-Anfrage per SMS geschickt, die ich in einem Internetforum gefunden habe. Schwierig war es dann, den Neonazis klar zu machen, dass ich als Journalist seriös arbeite. Für sie sind wie Teil des “Systems”, das es abzuwickeln gilt. Ich habe ihnen klar gemacht, dass ich eine völlig andere politische Meinung vertrete als sie, aber in meinen Artikeln Fakten und Zitate sprechen lasse. Und dass ich ihnen ihre Zitate zur Autorisierung vorlege. Nun habe ich deshalb schon die Meinung gehört, dass ich Neonazis ein Forum geben würde. Darüber kann man diskutieren, aber sie als Journalist zu Wort kommen zu lassen, ist ein wesentlich kleineres Übel, als sie komplett zu verschweigen. So entstehen Dämonisierung und geht Sachlichkeit verloren. Ich habe gehofft, dass sie sich in den Interviews selbst entlarven. Nur wenn man sie zitiert – und ihre Zitate dann kritisch einordnet – nimmt man ihnen die demagogische Kraft. Ein Wortlaut-Interview mit einem Rechtsextremen wäre in einer Zeitung wie dem Weser-Kurier natürlich unmöglich, weil die kritische Einrahmung fehlt. Aber in einem Buch ist das gut möglich. Insgesamt sollte man als Journalist einen nüchternen Stil pflegen, also Fakten, Argumente, genaue Beschreibungen. Man muss konkret erklären, warum Rechtsextreme die Demokratie gefährden. Mit Schaum vor dem Mund, Überheblichkeit, martialischen Fotos oder Skandal-Überschriften ist wenig getan.

Racaille Verte: Im Februar wurde der NPD-Funktionär Jens Pühse Verinsmitglied bei Werder Bremen. Ende Juni wurde er nach gerade einmal vier Monaten vom Verein wieder ausgeschlossen. Welche Ziele verfolgte Pühse mit der Mitgliedschaft und wie beurteilst du die Reaktion des Vereins?

Ronny Blaschke: Die Absicht von Jens Pühse war vorhersehbar und aus seiner Sicht nachvollziehbar. Er wollte auf Kosten einer bekannten Marke wie Werder Bremen in die Medien, wohin er mit seinem gewöhnlichen politischen Programm nie gelangt wäre. Auch die Reaktion des Vereins ist nachvollziehbar, weil Pühses Wirken mit der Satzung des Vereis kaum etwas gemeinsam hat. Pühse und viele andere Rechtsextreme vertreten die Meinung, dass auch negative Öffentlichkeit für sie von Wert sein kann. In diesem Fall aber müssen Journalisten diese Kampagne erkennen und nüchtern entzaubern. In der verkürzten Schlagzeile: “Nazi ist Mitglied des SV Werder und muss rausgeschmissen werden” hätte der Fall für Werder auch nach hinten losgehen können. Ähnlich war es bei dem Schornsteinfeger Lutz Battke 2010 in Laucha, in Sachsen-Anhalt. Der Jugendtrainer war als NPD-Funktionär aufgefolgen, Medien berichteten danach bundesweit und überboten sich in skandalisierenden Schlagzeilen. Die NPD verknüpfte die Schlagzeilen mit ihren gängigen Verfolgungs- und Opfertheorien, gerierte sich als standhafte Bewegung, die sich für die Jugend einsetzt – und am Ende erreichte Battke bei der Bürgermeisterwahl in Laucha fast 25 Prozent der Stimmen. Vor allem Journalisten sollten also Wochen nach der ersten Schlagzeilen noch einmal auf den Fall blicken und den Verlauf der NPD-Kampagne beschreiben. Außerdem kam mir in der Berichterstattung um Jens Pühse der politische Inhalt zu kurz. Wofür steht Pühse? Welche Ziele verfolgt er? Was hat er sich in der Vergangenheit zu Schulden kommen lassen? Man sollte genau begründen, warum jemand nicht in einen Verein gehört. Ob er dann juristisch auszuschließen ist, steht auf einem anderen Blatt – wichtig ist die Aufklärung.

Racaille Verte: Am 28.09.2011 demonstrierten etwa 1000 Menschen in Bremen gegen rechte Gewalt und die Entpolitisierung von Prozeßen. Damit äußerten sie sich kritisch gegen den Verlauf des Prozeßes gegen Mitglieder der rechten Hooligangruppen “Standarte” und “Nordsturm”, der nur einen Tag später mit sehr geringen Geldstrafen vor dem Bremer Amtsgericht zu Ende ging. Wie hast du die Demonstration und den zweiten und letzten Prozeßtag vor dem Bremer Amtsgericht erlebt?

Ronny Blaschke: Ich finde, dass der Prozess ein fatales Signal ausgesandt hat. Natürlich sichert der Rechtsstaat auch rechten Hooligans eine Verteidigung zu, aber der Rechtsstaat hat auch die Pflicht, einen solch gravierenden Überfall genau zu untersuchen. Dazu gehört eine detaillierte und engagierte Zeugenbefragung. Doch von Anfang an schien mir das Gericht nur darauf aus zu gewesen zu sein, den Prozess so kostengünstig und schnell wie möglich abzuwickeln. Das mag in manchen juristischen Auseinandersetzungen legitim sein, aber ganz gewiss nicht nach einem politisch motivierten Angriff auf antirassistische Fußballfans. Allgemein formuliert: Rechtsextreme wollen Demokratie und Rechtsstaat abwickeln, dabei nutzen sie aber die Errungenschaften des Rechtsstaats: Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit. Ein Gerichtsprozess hätte wichtige Öffentlichkeit für dieses Thema geschaffen, aber das Gericht hatte weder Gespür noch Kompetenz für das Thema. Stattdessen wurde um milde Strafen geschachert, gewitzelt und Einschüchterung gegen die Opfer betrieben. Umso erstaunlicher war es, dass Werder-Fans gemeinsam mit Verein, Fanprojekt, Parteien, Medien und Gewerkschaften ein Bündnis geschmiedet haben. Ich habe viele Leute gesehen, die sich wegen des politischen Angriffs an die Demo angeschlossen haben, nicht wegen des Fußballs. Die aktiven Ultras von Werder Bremen sind ein positives Beispiel dafür, dass Fußball und Politik eben nicht getrennt werden kann.

Lesung: Ronny Blaschke: „Angriff von Rechtsaußen – Wie Neonazis den Fußball missbrauchen“
Datum: Samstag, 26.11.2011; 19.00 Uhr
Ab 17:30 Uhr: Kuchen, Snacks, Getränke und Musik
Ort: Ostkurvensaal, Weserstadion Bremen
Eintritt frei!

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