Radio Bremen fragt, wir antworten

Radio Bremen hat in seiner Regionalsendung buten un binnen einen kleinen Beitrag (wahrscheinlich etwa eine Woche lang erreichbar, hier der etwas längerfristig verfügbare Text) über die aktuelle Debatte zu Pyrotechnik und ihre unmittelbare Auswirkungen in Bremen gebracht. Er ist, mal abgesehen von der völlig wirren Anmoderation (“ohne Pyrotechnik gehen Ultras gar nicht erst ins Stadion”), einigermaßen gut recherchiert und bringt verschiedene Standpunkte. Dass sich bei der Recherche Mühe gegeben wurde, wussten wir vorher, hatten wir doch eine ganze Reihe Fragen bekommen und per Mail beantwortet. Da lediglich eine (und so ziemlich die banalste) Aussage von uns ihren Weg in den Clip gefunden hat, möchten wir hier alles weitere nachreichen – auch weil wir glauben, dass das Interview recht umfassend unsere Meinung darstellt und wir uns so das Abfassen eines langen Positionspapiers sparen. Voila:

b&b: Wie steht ihr als Ultras zum Abbrennen von Pyrotechnik (Bengalos)?

RV: Man muss hier differenzieren. Bengalische Fackeln sind für uns elementarer Bestandteil der Fankultur und wir glauben, dass man sie sicher einsetzen kann. Wir setzen uns szeneintern dafür ein, dass sie nicht geworfen werden, da sie dann nicht mehr kontrollierbar sind. Knaller und Leuchraketen hingegen sind immer unkontrollierbar und können schwere Verletzungen verursachen, daher lehnen wir ihren Einsatz ab.

b&b: Warum gehört das (zumindest bei Teilen der Ultras) zu gelungenen Choreografien und guter Stimmung dazu?

RV: Feuer verleiht einem abendlichen Spiel ein ganz anderes Flair. Es vermittelt eine aufgeheizte, euphorische Stimmung und zeigt der Mannschaft an: Wir brennen für euch, gebt alles! Das pusht einfach ungemein. Bunter Rauch kann einer Coreographie eine zusätzliche Dimension geben.

b&b: Inwiefern spielen da die Wurzeln der Ultras im südeuropäischen Raum eine Rolle?

RV: Der südeuropäische Raum und Südamerika sind Ursprung unserer Idee von Fandasein, ganz klar.

b&b: Wie beurteilt ihr die abgebrochenen Gespräche zwischen DFB und Ultra-Vertretern? Wäre für Euch ein kontrolliertes Abbrennen von Bengalos denkbar?

RV: Ja, auch wenn sicher noch zu klären wäre, was “kontrolliert” konkret bedeutet. Wir glauben eigentlich, dass es ausreichend ist, dass alle Anwesenden über den Einsatz von Pyrotechnik informiert sind und die Fackeln in der Hand gehalten werden. Von abgesperrten Bereichen, in denen sich dann zehn geschulte Pyrotechniker aufhalten, halten wir nichts.

b&b: Wie beurteilt ihr das harte Durchgreifen von DFB, Polizei und Vereinen gegen Pyrotechnik?

RV: Es ist schon bemerkenswert, dass es in den letzten Wochen überall gebrannt hat, darüber ausgesprochen viel berichtet wurde, es aber nirgends Meldungen über Verletzte gab. Währenddessen hat die Polizei durch den Einsatz von Pfefferspray und anderen Reizgasen dutzende Verletzte zu verantworten. Es bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung, dass die Polizei hier nicht nur überreagiert, sondern völlig falsch handelt.

b&b: Habt ihr Verständnis dafür, dass Werder sich die Geldstrafen bei den Verursachern zurückholen will?

RV: Nicht wirklich. Wir würden es begrüßen, wenn Werder gegen die Strafen vorgehen würde. Die sind ja nicht gottgegeben, und insofern sind nicht nur diejenigen Verursacher_innen, die zündeln, sondern auch die, die die Strafen festlegen. Die Vereine könnten ja auch sagen: “Es wurde niemand verletzt, was ist das Problem? Wir wollen eine lebendige Fankurve, und werden dafür nicht weiterhin bezahlen.”

b&b: Polizei und Vereine betonen die Gesundheitsgefahren von Bengalos. Seht ihr diese Gefahr auch? Wie steht ihr dazu?

RV: Die Gefahren entstehen überwiegend durch die Illegalität. Wenn man versteckt zündeln muss, liegen die Fackeln auf dem Boden, rollen dort umher. Wenn zuviel auf einmal in Brand gerät, kann es zu einer Stichflamme kommen. Das ist gefährlich, keine Frage. Beides ist vermeidbar, wenn man die Bengalos in der Hand halten darf.
Es heißt immer wieder und leuchtet durchaus ein, dass Menschen mit Atemwegskrankheiten Probleme kriegen können. Wenn man vorher ankündigen könnte, dass gezündelt wird, könnten diese Menschen den entsprechenden Bereich meiden.
Ein Restrisiko bleibt immer, aber es fordert ja auch niemand ernsthaft, das Autofahren zu verbieten.

b&b: Beobachtet ihr eine Trotzreaktion der Fan-Szene gegen dieses harte Durchgreifen und den Abbruch der Gespräche?

RV: Ja.

b&b: Aus welchem Grund wird Pyrotechnik eigentlich nur von Auswärtsfans eingesetzt?

RV: Das stimmt so allgemein nicht. Die Bremer Gruppen halten es jedenfalls traditionell so, um das Vertrauensverhältnis mit dem Verein nicht zu gefährden.

b&b: Fühlt ihr Euch kriminalisiert, z.B. wenn Pyrotechnik und Gewalt bzw. Ultras und Gewalt in einen Topf geworfen werden?

RV: Kriminalisiert sind de fakto alle diejenigen, die Pyrotechnik einsetzen. Das Phänomen, auf das Sie anspielen, ist vielmehr eins von schlechtem Journalismus. Da wird sich einfach nicht die Mühe gemacht, zu differenzieren, die Vorgänge zu durchdringen und präzise zu beschreiben. Der Einsatz von Pyrotechnik ist keine Gewalt, das ist eigentlich sehr einfach.

b&b: Was wären Eure Erwartungen an DFB, Polizei und Vereine?

RV: In der derzeitigen, aufgeheizten Situation wäre unsere erste Erwartung, dass sie sich beruhigen und ihre populistische Hetze gegen die Fans einstellen. Die Polizei soll aufhören, sich als Retter in der (nicht vorhandenen) Not zu profilieren und aufhören,* sinnlos Menschen zu verletzen. Die Vereine und der DFB sollten akzeptieren, dass es eine Fankultur gibt, die ihre Freiheiten fordert und darauf vernünftig eingehen.

*Die Dopplung ist uns erst im Nachhinein aufgefallen, die Streichung ist ein Kompromiss zwischen Lesbarkeit und Redlichkeit.

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